Rezension

Seethaler. ›Ein Ganzes Leben‹.

 

Ginge es nach ihm, würde er für den Rest seines Lebens an irgendeinem Wegrand sitzen, Hand in Hand mit Marie, an einem harzigen Baumstamm gelehnt.


Es sind einfach schöne und klingende und schönklingende Worte, die der österreichische Schriftsteller Robert Seethaler in ›Ein Ganzes Leben‹ zu feinen Sätzen aneinander reiht. Genau darin liegt für mich die Magie des Buches: in seiner wunderbaren Sprache. Doch auch der Inhalt, die im Titel bereits angedeutete Lebensgeschichte, hat es in sich.

Egger kam wieder zu Kräften. Allerdings blieb sein Bein krumm, und fortan musste er sich hinkend durchs Leben bewegen. Es war, als ob sein rechtes Bein immer einen Augenblick länger brauchte als der restliche Körper, als ob es sich vor jedem einzelnen Schritt erst besinnen müsste, ob er eine derartige Anstrengung überhaupt wert wäre.


Wie Seethaler poetisch von Andreas Egger und dem Tal schreibt, in das Egger mit ungefähr vier Jahren purzelte, sucht seinesgleichen. Der Autor erzählt anekdotisch die Geschichte eines Mannes, der trotz vieler Rückschläge ohne Missmut und mit einer gehörigen Portion Hoffnung durchs Leben geht.

Meistens schwieg Egger während seiner Touren. »Wem das Maul aufgeht, dem gehen die Ohren zu, hatte Thomas Mattl immer gesagt, und Egger teilte diese Ansicht. Statt zu reden, hörte er lieber den Leuten zu, deren atemloses Geplapper ihn in die Geheimnisse fremder Schicksale und Ansichten einführte. Offenbar suchten die Menschen in den Bergen etwas, von dem sie glaubten, es irgendwann vor langer Zeit verloren zu haben. Er kam nie dahinter, um was es sich dabei genau handelte, doch wurde er sich mit den Jahren immer sicherer dass die Touristen im Grunde genommen weniger ihm als irgendeiner unbekannten, unstillbaren Sehnsucht hinterherstolperten.


›Ein Ganzes Leben‹ ist empfehlenswert für denjenigen, der nicht nach der großen Action auf jeder Seite sucht, sondern im Kleinen, nur Angedeuteten, viel entdecken möchte.

Die alte Frau saß alleine an ihrem Tisch. Sie hatte die Ellbogen aufgestützt und das Gesicht in den Händen verborgen. Vor ihr stand der große Radiokasten, aus dem sonst um diese Zeit entweder Blechmusik oder Adolf Hitlers aufgebrachte Redeschwälle tönten. Diesmal war das Radio aus und Egger hörte das leise Schnaufen der Alten, die in ihre Hände hineinatmete. »Ist Ihnen nicht gut?« fragte er. Die Wirtin hob den Kopf und sah ihn an. In ihrem Gesicht waren die Abdrücke ihrer Finger zu sehen, blasse Streifen, die sich nur langsam wieder mit Blut füllten. »Wir haben Krieg«, sagte sie. »Wer behauptet das?«, fragte Egger. »Na, das Radio«, sagte die Alte und warf dem Kasten einen feindseligen Blick zu.


Eine schöne Rezension, in der sie auch auf den Inhalt des Buches eingeht, hat Olivia geschrieben

Der Bürgermeister war nun kein Nazi mehr, statt Hakenkreuzfähnchen hingen wieder Geranien vor den Fenstern und auch sonst hatte sich viel verändert im Dorf.
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Rezension

Drei Stunden Rassismus.

Am Wochenende habe ich eine schon etwas ältere, sehr sehenswerte Dokumentation über Rassismus gesehen. Der von der BBC ausgestrahlte dreiteilige, dreistündige Beitrag zeigt eindrucksvoll das Aufkommen des Rassismus von seinen Anfängen im Kolonialismus, die Verklärung zur Wissenschaft (u.a. mit der Eugenik), die menschenverachtenden Auswüchse über mehrere Jahrhunderte, aber auch die ideologischen Vorbereitungen bereits durch antike Denker wie Aristoteles. Beleuchtet wird auch die wirtschaftliche Komponente der Sklaverei (und mit ihr eines der stärksten Treibers für Rassismus). Prädikat sehenswert.

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Rezension

Durch die Sterne die eigene Bedeutung im Universum verstehen.

Ich lese derzeit das Buch Religion for Atheists von Alain de Botton, in dem es darum geht, was säkulare, atheistische Gesellschaften von Religionen lernen können. Konkret: Welche Strukturen oder Elemente sind Religionen zu eigen, die auch über sie hinaus für die Gesellschaft relevant sein können, etwa der Umgang mit Trauer, das Verhältnis zur Kunst oder Gastfreundschaft.

In De Bottons Buch gefiel mir eine Passage besonders, in der die eigene Bedeutung im Universum erläutert wird. In einer Zeit, in der Gott als Erklärung weggebrochen ist, beschreibt er diese neue Perspektive wie folgt:

»When God is dead, human beings – much to their detriment – are at risk of taking psychological centre stage. They imagine themselves to be commanders of their own destinies, they trample upon nature, forget the rhythms of the earth, deny death and shy away from valuing and honouring all that slips through their grasp, until at last they must collide catastrophically with the sharp edges of reality.

[..]

The secular world is lacking an equivalent cycle of moments during which we, too, might be prodded to imaginatively step out of the earthly city and recalibrate our lives according to a larger and more cosmic set of measurements. If such a process of re-evaluation offers any common point of access open to both atheists and believers, it may be via an element in nature which is mentioned in both the Book of Job and Spinoza’s Ethics: the stars.

[..]

Myopically, the scientific authorities who are officially in charge of interpreting the stars for the rest of us seem rarely to recognize the therapeutic import of their subject matter.«

So schwer der Gedanke auch sein mag, oft hilft es und ist befreiend, sich seiner eigenen – verschwindend geringen – Bedeutung im Universum bewusst zu sein. Es kann, wie De Botton richtig schreibt, eine therapeutische Kraft haben. Doch Atheisten, die sich nicht an einen ‘Allwissenden’ wenden können, benötigen andere, säkulare Situationen oder Anlässe bei, in denen sie diese Gedanken zulassen dürfen. Dafür setzt sich De Botton ins einem Buch ein.

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Rezension

Weshalb “XOXO” von @BenniferRostock für mich das beste Album 2011 ist

Lange habe ich nun dieses Album schon gefeiert. Und das tue ich nach wie vor. Weil Casper mit “XOXO” etwas gelungen ist, das jeder Künstler versucht, doch nur einem Bruchteil gelingt: die essentiellen Facetten des menschlichen Lebens zu erkennen, ihnen nachzulaufen, sie einzufangen, sie schonungslos mit mal harten, mal weichen Worten vorzuführen und in ein Album zu komprimieren. Und vor allem: uns nachdenklich zu lassen.

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