Rezension

Denn ihr wisst nicht, wie man liebt

“Ihr wisst nicht, wie man liebt” ist wohl die Hauptaussage des Psychoanalytikers Erich Fromm in seinem Buch “Die Kunst des Liebens”. Das in den fünfziger Jahren erschienene Buch ist das zweite, das ich von Fromm lese. Da ich “Die Seele des Menschen” erstaunlich gut fand, hatte ich natürlich hohe Erwartungen, die, soviel vorweg, fast alle bestätigt wurden.

Fromm geht in seinem Buch davon aus, dass die Liebe eine Kunst ist, die man mit den richtigen Mittel und einer gewissen Übung erlernen kann. Hört sich erst einfach einmal an, doch führt man sich vor Augen, was genau eine Kunst ist, stellt es unsere westliche, moderne Auslegung von “Liebe” komplett auf den Kopf: Liebe auf den ersten Blick ist ebenso Quatsch wie die oft angenommene Haltung, Liebe komme von alleine und man müsse nichts tun dafür. Sie ist stattdessen etwas, wie Fromm schreibt, “das man in sich selbst entwickelt, nicht etwas, dem man verfällt.”

Zuerst stellt der Psychoanaltiker dar, dass es im Menschen ein tiefes Bedürfnis dafür gibt, seine natürliche Isolation zu überwinden. Isolation, denn nur er kann sich sicher sein, was (ich würde soweit gehen, zu sagen: dass) er denkt, fühlt und weiß. Unsere Gesellschaft kennt viele Ausbruchsmethoden (neben der Liebe wie Fromm sie definiert) aus dieser Abgeschiedenheit: Alkoholismus oder Drogenabhängigkeit. Oder auch die “Zuflucht zum sexuellen Orgasmus”, eine Bestrebung, bei der die Einsamkeit mit Affären und sexuellen Kontakten überspielt wird.

All dies hat unseren Begriff von “Liebe” stark geprägt. Dazu später mehr. Liebe allerdings lebt davon, dass man gibt. Fromm nennt folgende Grundelemente: Fürsorge, Verantwortungsgefühl, Achtung vor dem anderen und Erkenntnis. Dabei bedeutet “Achtung vor dem anderen”, dass man die Individualität des Gegenüber erkennt und nicht versucht, ihn so zu machen, wie man selbst ist – oder gerne wäre. Ein weiteres Element der Liebe soll “das Verlangen nach einer Vereinigung des männlichen und des weiblichen Pols” sein. Denkt man darüber nach, schimmert aus diesem Ausspruch allerdings die Zeit, in der das Buch geschrieben wurde. Er spricht damit Homosexuellen die Fähigkeit ab, zu lieben. In einigen Fällen ist Fromm nicht mehr das Maß aller Dinge, das sollte man bedenken, bevor man das Buch liest. (Auch merkt man das ganz deutlich, wenn er auf der Seite danach bei Homosexuellen von einer “Abweichung der Norm” spricht und ihnen “Schmerzen” unterstellt, weil sie nicht ihren Gegenpol finden.)

Zurück zum Buch. Heutzutage sind zur auch in der Liebe zu sehr objektfixiert: wir suchen “die Eine” bzw. “den Einen”, den wir lieben können und alle anderen Menschen sind uns egal. “Echte Liebe” wie Fromm sie definiert kann es nur geben, wenn man seine Liebe nicht auf bestimmte Objektive (bspw. einzelne Menschen) ausrichtet, sondern auf die Menschheit allgemein: “Wenn jemand nur eine einzige andere Person liebt und ihm alle übrigen Mitmenschen gleichgültig sind, dann handelt es sich bei seiner Liebe nicht um Liebe, sondern um eine symbiotische Bindung oder um einen erweiterten Egoismus.”

Schon nach der Geburt lernt das kleine Neugeborene “Liebe” kennen: Mutterliebe. Sie ist bedingungslos und immer da. Die Mutter steht für Wärme und Sicherheit ohne Forderungen. Im Gegensatz dazu steht der Vater: seine Liebe kann und muss man sich verdienen, indem man sich an seine Regeln und Gesetze hält. Im Laufe seines Lebens lernt er weitere Formen der Liebe kennen: Nächstenliebe (siehe oben). Und schließlich die erotische Liebe, also das, was wir landläufig als “Liebe” bezeichnen.

Nun beginnt Fromm seinen Feldzug gegen die oberflächliche “Liebe” der heutigen westlichen Gesellschaft: “Da das sexuelle Begehren von den meisten mit der Idee der Liebe in Verbindung gebracht wird, werden sie leicht zu dem Irrtum verführt, sie liebten einander, wenn sie sich körperlich begehren”. Liebe passiert nicht einfach, sie ist auch Arbeit. Man muss daran glauben, dass sie erwächst und dass sie hält.

Doch stattdessen verwechseln wir “Liebe” mit “verliebt sein” oder “Begehren”. Zurückzuführen sei dies auf unsere tief verwurzelten kapitalistischen Züge, meint Fromm. In einer Welt, in der Menschen zu “Automaten” (Fromm) geworden sind, die funktionieren und konsumieren müssen, kann es keine Liebe geben, denn “Automaten können nicht lieben, sie tauschen ihre persönlichen Vorzüge aus und hoffen auf ein faires Geschäft.” Heute versteht man unter dem Begriff “Liebe” eher einen ausgeweiteten Narzißmus, bei dem zwischen zwei Menschen ein Bund gegen die Einsamkeit oder sogar gegen die Welt eingegangen wird.

Zum Schluss – und im letzten Kapitel – nennt er einige Punkte, mit denen die Welt doch noch nicht verloren ist: wir brauchen nur Disziplin, Konzentration, Geduld und müssen die Erlernung der Kunst der Liebe als wichtig ansehen. Wie genau, das sagt er allerdings nicht. Es soll ja schließlich kein Do-It-Yourself-Buch sein…

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Denkt niemand an die Tiere?, Schöne Sätze

Für alle Individualisten

Die meisten Menschen sind sich ihres Bedürfnisses nach Konformität nicht einmal bewusst. Sie leben in der Illusion, sie folgten nur ihren Ideen und Neigungen, sie seien Individualisten, sie seien aufgrund eigenen Denkens zu ihren Meinungen gelangt, und es sei reiner Zufall, dass sie in ihren Ideen mit der Majorität übereinstimmen. Im Konsensus aller sehen sie die Richtigkeit „ihrer“ Ideen.

Der großartige Erich Fromm über Individualisten (aus dem Buch “Die Kunst des Liebens”).

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