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Ein Abend in Moabit

Wir stolpern aus einer Bar, wie sie von fehlender Aufgeregtheit in Moabit gerade aus dem Boden sprießen. Noch ein Bier am Späti, haben wir gesagt.

Mein Bekannter kennt den volltätowierten Späti-Betreiber, der uns augenblicklich in einem Hinterzimmer seinen aktuellen Rap-Track auf dem iPhone vorspielt und dabei genüßlich raucht. Der Song: Gesungene Autotune-Hook, moderner Trap-Beat, Drake-Flow. Wie man das heute halt macht. Er sagt: In seinem Musikvideo dazu sollen wir Polizisten spielen. Er braucht ein paar Deutsche. Keine Schränke, einfach Deutsche. Zehn bis zwanzig Minuten, diesen Freitag. Mein Bekannter und er tauschen Nummern aus. Ich (Brille, wie er mich nennt) halte mich bedacht zurück.

Wir verabschieden uns und mit jeweils einem Hellen in der Hand gehen wir zur nächsten Häuserecke. Hier sitzt – zufällig – die Freundin meines Bekannten auf dem Boden, unter sich und auf ihr eine Wolldecke. Zu ihrer Linken eine gute Freundin, ebenso eingepackt, auf der anderen der Eisverkäufer von der Eisdiele gegenüber.

Osama, so sein Name, hatten sie zufällig kennenlernt, wie sie da so saßen mit ihrem Wein und in ihren Decken. Er gesellte sich dazu, trank mit.

Mir fällt die rote Rose auf, die jede der zwei Freundinnen in ihrer Hand hält. Solche, die in Großstädten gern (natürlich für einen entsprechenden Preis) überreicht werden. Da Osama den Rosenverkäufer kannte, haben die zwei sie allerdings kostenlos bekommen. Ach, im Laufe des Abends war auch noch kurz der Friseur von der Ecke da.

Doch der ist höchstens eine Randfigur für die Geschehnisse des Abends.

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Die alte Frau am Fenster

Früher sah ich oft eine alte Frau am Fenster stehen. Sie stützte die Arme auf die Fensterbank und tat nichts, außer schauen. Manchmal weit in die Ferne, manchmal direkt in mein Gesicht.

Im Fenster neben ihr saß ein Wellensittich in seinem viel zu kleinen Käfig. Zwar war es dieselbe Wohnung, doch beide waren nie an einem Fenster, immer war der Vogel an dem einen, die alte Frau an dem anderen.

Den genauen Zeitpunkt, an dem ich aufhörte, die alte Frau am Fenster zu sehen, nahm ich gar nicht wahr. Da war ja noch der Vogel. Es gab nie den Gedanken: ›Oh, die alte Frau ist nicht am Fenster‘. Erst später fiel es mir auf: ihr Fenster war plötzlich leer, während der Wellensittich nach wie vor in seinem zu kleinen Käfig hüpfte dort in seinem zweiten Fenster.

Dann, von einem Tag auf den anderen, war auch er verschwunden.

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2014 – Ein Fazit.

2014 meinte es ziemlich gut mit mir. Nicht, dass ein Jahr selbst etwas meinen – oder gar planen – kann, doch ich bin nicht scheu zu sagen: 2014 war mein bisheriges Lieblingsjahr. Ein Jahr doch wie eine dieser Episoden einer guten Serie, in der verschiedene Handlungsstränge und -fäden sich zusammenfügen um dem Zuschauer das große Ganze, den geheimen Plan der Schreiber, zu offenbaren.

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Hamburg, Digger, Hamburg.

“Und da bei euch im Süden von der Elbe,
da ist das Leben nicht dasselbe.
Denn da im Süden von der Elbe,
da sind die Leute nicht dasselbe.”

 

Heute vor sechs Jahren, am 16. Oktober 2005, kam ich das erste Mal nach Hamburg. Ich besuchte mit meinen Eltern die Speicherstadt, das Miniaturwunderland und anschließend den Michel. Ich weiß noch, wie ich vor den beeindruckenden Speichern am Fleet stand und sagte: “Einmal werde ich in dieser Stadt leben.”

 

Ich bin jetzt seit knapp über einem Jahr in Hamburg, kam aus der kleinen Stadt. Mittlerweile habe ich hier Fuß gefasst, Freunde gefunden, mehrere Arbeitgeber gehabt. Hamburg ist schon jetzt, nach so kurzer Zeit, zu einer der wichtigsten Stationen meines Lebens geworden. Hier habe ich mich in dieser Zeit unglaublich entwickelt, bin so schnell gereift (jedenfalls fühle ich mich reifer), wie in den Jahren zuvor vermutlich nicht. Aus mir ist ein anderer Mensch geworden. Hamburg hat mein Leben geprägt. Und genau deshalb ist Hamburg die tollste Stadt unseres Planeten. Für mich. Und für alle anderen Hamburger.

 

Doch man sieht auf uns herab, wenn in regelmäßigen Abständen Hamburg als “die schönste Stadt der Welt” bezeichnet wird, einen Stadtpatriotismus wie den in Hamburg gibt es selten. Wir haben die Elbe, die Alster — aber vielmehr haben wir uns. Die Menschen sind es, die Hamburg zu dem Platz machen, über den niemand Schlechtes sagen kann. Alle meine Freunde, ob aus Großbritannien, Guatemala, Australien, Lettland, alle Freunde, die über einen längeren Zeitraum in Hamburg waren oder es noch sind, fühlen sich hier aufgehoben, wohl, geborgen. Viele wollen dauerhaft ihr Leben hier hinverlagern. Das liegt nicht nur an der Offenheit gegenüber anderen Kulturen (Hanse prägt halt), sondern auch an der offenen Mentalität der Menschen. Wie besang schon die schwedische Folk-Band “Friska Viljor” diese Stadt:

 

“It was not until we met this man
And all his beautiful friends they started to show us around
That we really knew where we should go
We should go to
Wohlwillstrasse
It’s where we should go, where we should go”

Diese ungekünzelte Freundlichkeit, die hier jedem an den Tag gelegt wird. Ich finde es eine unglaublich tolle Sache, dass ich meinen Lieblingsimbissbudenbesitzer mit “Mach mal einmal Pommes.” ansprechen kann. Du kannst hier jeden duzen. Jeder hilft dir.

 

Beispielhaft eine Begegnung von vor wenigen Wochen. Ich stand an meinem Lieblingsplatz am Goldbekkanal und hörte über Kopfhörer die Hamburger Kult-Rap-Formation “Absolute Beginner”. Ein junger Mann kam auf mich zu – die Musik war wohl sehr laut – und er erkannte den Beat. Er sprach mich an und sagte einfach nur: “Hamburg, Digger, Hamburg.” Ich hoffe ihr versteht jetzt, weshalb ich diese Stadt liebe. Hamburg: <3

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Gelb > Andere Farben

Me can haz new job. Aber mal der Reihenfolge nach: Ich bin keiner dieser Männer, die “Blau” ihre Lieblingsfarbe nennen. War auch keines der Kinder, denen in jungen Jahren eingeprügelt wird, dass “echte Männer” auf Blau stehen müssen und alles andere unmännlich sei. Ich finde etwa, Gelb ist eine großartige Farbe. Grundfarbe – allein das hört sich schon ziemlich wichtig an. Und schließlich sind so viele hervorragende Dinge gelb: die ADAC-Engel, alte Telefonzellen, Pfannkuchen, Entenküken, amerikanische Taxis, die Simpsons, die Sonne, Sterne, Käse, amerikanische Schulbusse, Winnie the Pooh, Sonnenblumen und natürlich die Packung meines Lieblingskakaopulvers. Und “Gelb!” ist auch der erste Gedanke, der Arthur Dent in den Sinn kommt, als eines Morgens urplötzlich ein Bulldozer vor seinem Haus steht. Zusammenfassung für diesen ersten Absatz: Gelb ist schon herrlich toll. Ich finde, es ist erstaunlich, wie viele verschiedene Gelbtöne es doch gibt: Zitronengelb, Goldgelb, Indischgelb, Primärgelb, Schwefelgelb. Bei Ampeln spricht der gewiefte Autofahrer sogar manchmal von “Dunkelgelb”. Und einmal von FDP und Xanthophobie (bezeichnet die Angst vor der Farbe gelb) abgesehen, gibt es eigentlich nur wenige schlechte Dinge, die gelb sind. Und nun, gelb ist ja fast so etwas wie hellorange und gegen orange kann man ja nun wirklich nichts sagen. Diese Farbe also, Gelb, wird gemeinhin mit Lebensfreude und Frische assoziiert. Dazu passt es, dass ich euch heute erzähle, dass ich seit einigen Tagen bei einem Unternehmen arbeite, dessen Corporate Color ein Gelbton ist. Nein, nicht die Deutschen Post, soweit würde es nie kommen. Ich werde ab heute offiziell Torben, Lucie und die gelbe Gefahr neben dem Studium als Stratege unterstützen. Die Berliner Agentur für digitale Markenkommunikation (Kunden u.a. Gravis, Nutella, Payback, SPD, Subway, Vodafone) hat erst in diesem Monat ihr schönes Hamburg-Büro im bekanntesten Viertel St. Pauli bezogen. Hier, direkt zwischen Kneipen, Ladengeschäften und Hans Albers werden drei Mitarbeiter, zwei Strategen und eine Projekt-Managerin, besonders unsere Hamburger Kunden im digitalen Alltag begleiten und unsere Berliner Kollegen unterstützen. Am letzten Freitag hatte ich meinen ersten Arbeitstag in Berlin. Ich freue mich, bei der führenden deutschen Agentur ihres Fachs anzuheuern und gemeinsam mit meinen neuen Kollegen in der Hamburger Agenturlandschaft ein wenig für Furore zu sorgen. Während ich diese Zeilen so tippe, finde ich übrigens, “Wir machen Buzz. Sogar für den zweiten Mann auf dem Mond.” wäre ein wortwitziger Slogan für eine Agentur. Ich werde ihn mal vorschlagen. Sicher sind einige von euch jetzt gelb vor Neid. Doch nun lasst uns gemeinsam die Beatles anstimmen und in schön-schiefen Tönen von unserem gelben U-Boot singen: “We all live in a yellow submarine, yellow submarine, yellow submarine.”
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Die Melancholie der Kleinstadt

Wäre die Kleinstadt ein Wort, sie wäre sicherlich “Melancholie”. Beobachtungen bei einem Spaziergang.

Alle Jahre wieder bist du in der Stadt, in der du aufwuchst; an die du so viele schöne Erinnerungen hast: die ersten Freunde, die Schulzeit, Erfahrungen mit der Liebe. Doch wenn du dann durch die Stadt gehst, merkst du, dass sich diese Erinnerungen in deinem Kopf verändert haben.

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Dockville – Tag drei // Und ein Fazit

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Für Sonntag war Regen angesagt. Und auch als ich aus dem Fenster sah, um zu schauen, wie ich mich für diesen Tag einkleide: nichts als Regen. Also die bunte adidas-Regenjacke übergezogen und auf. In Veddel mit Caro und Chrissigetroffen.

 

Bereits auf dem Hinweg strömten und schon Heerscharen an Abreisenden entgegen. An der S-Bahnstation Veddel standen bereits zurückgelassene Schuheherum. Anhand der Menschenmassen ahnten wir, dass heute der Platz noch matschiger sein würde als an den beiden Tagen zuvor.

 

Angekommen, regnete es schon heftig. Wir sahen uns zuerst die deutschsprachige Band “Spaceman Spiff” an, deren Name auf einer Figur aus Calvin and Hobbes basiert. Es begann heftig zu regnen, sodass wir uns an einem Bierrondell unterstellten. Was generell bescheuert ist bei Festivals: Regenschirme. Denn dadurch sieht niemand mehr etwas von der Bühne. Also, liebe Festivalgänger: im nächsten Jahr lieber eine Regenjacke mehr als einen bescheuerten Riesenregenschirm.

 

Anschließend spielten “Noah and the Whale” auf der Hauptbühne. Gerade als sie begonnen hatten, brach der Himmel auf und Sonnenstrahlen kamen hervor – die leider vorerst letzten des Tages. Nachdem wir uns wieder zur rettenden Arche – erneut einem Bierrondell – gerettet hatten, genossen wir die Band. Anschließend spielten Edward Sharpe & The Magnetic Zeros, die besonders durch ihren Song Home (“Home is wherever I’m with you”) die Menge begeisterten.

 

Den Tag für mich rundeten “The Pain of Being Pure at Heart” ab. Ich glaube allerdings, dass ich die Bands mehr genossen hätte, wäre nicht der Regen in meiner Gefühlswelt nicht zu jeder Zeit da gewesen. Während gerade die Herzreinen spielten, kam auf einmal von weiter hinten der Geruch von Feuer. Menschen strömen in die Richtung. Keiner weiß genau, was los ist. Nachdem im letzten Jahr versehentlich etwas brannte, gehen die Spekulationen los. Doch die Feuerwehr steht daneben. Zwar brennt ein ganzes Haus, doch niemand löscht und Menschen stehen sehr nah und schießen Fotos. Es ist eine bizarre Situation. Ziemlich bescheuerte Aktion, wenn es gewollt gewesen ist.

 

Fazit

 

Hervorragendes Festival, manchmal ziemlich desinformiert und teilweise schlampig organisiert. Im Großen und Ganzen allerdings sehr schöne drei Tage, besonders da am Samstag ja die Sonne schien und natürlich, da Casper spielte. Kommen wir also zu meinen Highlights (neben den Erlebnissen mit den großartigen Menschen, mit denen ich da war und die ich getroffen habe): Casper, Editors und Kakkmaddafakka. Casper und Editors waren klar, ich mag sie einfach, es sind tolle Künstler. Kakkmaddafakka hat mich durch eine atemberaubende Bühnenshow beeindruckt, die sie am Samstag hingelegt haben.

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Dockville – Tag zwei

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Am Samstag war ich mit Shawty, Carolin und Chrissiauf dem Dockville. Es war Sonne angekündigt, also ließ ich die Regenjacke ganz zuhause. Eine hervorragende Entscheidung, wie sich später herausstellen sollte, denn den ganzen Tag über schien die Sonne.

 

Gegen drei Uhr waren wir da. Heute gab es keine Schlange vor dem Ticketzelt, doch der Weg dahin war matschiger als noch am Tag zuvor. Allerdings hatten auf dem Gelände selbst die Veranstalter etwas gegen die Umstände getan: Neben Stroh an einigen Stellen gab es nun kleine Steinchen an den Wegen und am Platz vor der Hauptbühne. Hier muss man ein Lob aussprechen, denn da hat eindeutig jemand gearbeitet. Auch herrlich, dass die gestern noch gesperrte Bühne “Maschinenraum” (in einem Zirkuszelt) wieder bespielbar war, sodass es im Gegensatz zum gestrigen Tag heute nur geringfügige Änderungen im Timetable gab.

 

Am Samstag sah ich mir zum ersten Mal das Festivalgelände an: die Baumhäuser, die einzelnen Bühnen, die versteckten Ecken, den Wald, das “Nest” (Tanzen zu Elektro). Ziemlich gut. Beeindruckt hat mich Kakkmaddafakka. Die verrückten Norweger lieferten einen der besten Auftritte ab. Nicht nur, dass sie teilweise im Bademantel oder in Boxershorts auftragen, zu ihrem Ensemble gehörten auch zwei Tänzer, die Moves ganz im Neunziger-Jahre-Stil vorgaben. Eine riesige Fahne wurde geschwenkt.

 

Absoluter Höhepunkt der beiden Festivaltage war – für mich und Shawty jedenfalls – der Auftritt von Casper, auf den wir seit Wochen hingefiebert hatten. Etwas nervig war, dass nicht nur neben uns die gesamte Zeit zwei hühnenhafte Kerle gekifft haben, sondern auch, dass wir sogar schräg dafür angeschaut worden sind, die Texte mitzurappen. “So perfekt” hingegen konnte sie alle. Und der Klassiker trat leider auch wieder ein: Bei dem sehr emotionalen Track “Michael X” klatschten einige Besucher mit, trotz Caspers mehrfacher Aufforderung. Von ihm wurde das nicht nur mit bösen Blicken bestraft. Nichtsdestotrotz rockte Casper wie kein zweiter.

 

Danach ruhten wir uns erst einmal in der L&M Lounge aus, die uns zwar Zigaretten andrehen wollten, dafür aber herrliche Stühle zum Chillout bereitstehen hatten. Der Abschluss des Abends war Santigold, die leider in aller Hinsicht enttäuschte. Nicht nur, dass es ihr nicht bekannt war, der wievielte Festivaltag denn war (“Is this the first day? Ya? No, second? Hahahaha.”), die Musikerin wirkte auch extrem arrogant. Auf die Frage, wer denn ihr Album kenne, gab es nur wenige Rufe, was sie mit “Oh, like five” in sehr abfälligem Ton kommentierte. Auch musikalisch war sie der aktuellen Stimmung nicht angemessen. Santigold spielte ihre Songs nur an und nicht zu Ende, meinte Shawty hinterher.

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Dockville – Tag eins

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Dockville. Mein erstes Festival, zwar ein Stadtfestival, aber davon sollte ich mich nicht abschrecken lassen. Ich fuhr am Freitag mit Inkenund zwei ihrer Freunde gegen 19 Uhr hin. Vom S-Bahnhof Veddel aus waren Shuttlebusse organisiert: zwei Euro für Hin- und Rückfahrt. Sehr gesittet organisiert, nach nicht mehr als zehn Minuten waren wir auf dem Gelände. Durch einen abgezäunten Gang schlossen wir zu einem breiten Knäul von Leuten auf, die ziemlich desorientiert herumstanden. Später sollten wir sehen, dass sich hier viele Menschen versuchten, durch ein kleines Nadelöhr am Ende zu quetschen, was natürlich nicht nur durch den großen Ansturm an Festivalgängern erschwert wurde, sondern auch dadurch, dass man hier bereits die Anfänge des uns schon zuvor bekannten Matschproblems erleben sollten.

 

Nachdem das erste Nadelohr nach ungefähr einer halben Stunde gemeistert war, gingen wir einen nun schon matschigeren schmalen, von Bauzäunen begrenzten Weg lang, der uns wiederum abermals zu einer Menschenansammlung führte, die sich vor dem schmalen Eingang in ein weißes Zelt gebildet hatte. Nach einer weiteren halbstündigen Wartezeit sind wir drin. Karte vorzeigen, Bändchen bekommen und drin. Die ersten SMS geschrieben, um sich mit anderen Besuchern zu treffen. Orientieren bei Schummerlicht. Zur Hauptbühne, dort kann es nie falsch sein.

 

Johnossi spielten. Wir bekamen allerdings nicht viel mit, da wir eine halbe Stunde am Bierrondell standen. Doch das, was ich höre, ist hervorragend. Weiter SMS geschrieben. Treffpunkte vereinbart, Treffen verpasst. Kurzum: Leute auf dem Dockville zu finden, war schwierig. Mehrmals kamen kleine Festivalmädchen mit gekräuselten Haaren, irgendeinem Glitzerzeug unter den Augen, Schlabberoutfit der neunziger Jahre (zerrissene Hot Pants sind wichtig und die Strumpfhose darf nicht neu sein) und natürlich Feenflügelchen – diese sind schließlich das Wichtigste – auf mich zu und fragten: “Hast du meine Freunde gesehen?”. Ich hätte gerne geantwortet: “Ja, Joey steht dort hinten, direkt neben Isabell, die gerade ihren Marzipan-Crèpes isst. Und sag mal, ist das Jan, der da gerade seine Zunge in Farina versenkt. Wusste gar nicht, dass die was miteinander haben.”. Lasse es aber dann und sage: “Woher soll ich wissen, wie deine Freunde aussehen?” Die Mädchen ziehen weiter. Seltsam.

 

Nachdem wir es aufgegeben hatten, irgendwen finden zu wollen (ich sende eine SMS: “Ich bin irgendwo. Bist du auch irgendwo?”), traf ich dann doch noch eine ehemalige Arbeitskollegin. Die Editors beginnen. Wir gehen weiter nach vorne. Irgendwann ist sie im Gewusel verschwunden. Ich genieße die Editors, soweit es möglich ist, etwas zu genießen, während man von angetrunkenen pubertären Hüpfeaffen angerempelt wird. Alle küssten sich. Wohl auch irgendwelche Fremden. Jedenfalls küssten sich alle. Die Editors haben gerockt.
Nachdem mir auf dem Hinweg noch im Barmbek die Kamera heruntergefallen war und ein Teil des Objektivs absplitterte, saß die Linsenkappe nur noch wackelig. Wie es kommen musste, verlor ich sie im Matsch. Dafür brachte ich 700 Fotos mit nachhause, von denen ich allerdings durch einen iPhoto-Abstürz, der sich ereignete, während ich beim Import die Funktion “Nach Import löschen” auswählte, die Hälfte verlor. Nun gut, gibt ja noch zwei Tage, an denen ich Fotos machen kann. (Einige typische Festivalbilder gibt es unten. Morgen will ich, bei gutem Licht, mal die stillen Seiten des Festivals ablichten.)
Nachdem das Highlight des Tages für viele erreicht und ihr Geduldszenit nicht nur überschritten, sondern niedergetrampelt war, machte sich ein Großteil der noch vor der Hauptbühne befindlichen Musikliebhaber auf dem Heimweg oder den Gang in die Zelte. Wir blieben. Kollektiv Turmstraße. Als “gehen richtig ab” angekündigt, legte die Kollektive allerdings einen falschen Gang ein und konnten nicht einmal mit der Pausenmusik mithalten. Passte nicht zur Stimmung, war zu loungig, zu chill-out. Doch es sollte ja ein persönliches Highlight folgen: Hundreds. Das deutsche “The XX”.

 

Mit einer phänomenalen Intro-Show kamen sie auf die Bühne. Doch relativ schnell war ich enttäuscht: natürlich wusste ich, dass mich leichte Töne erwarten, doch neben der über den gesamten Zeitraum herausragenden Performance und Show ließ die Musik leider zu wünschen übrig. Abgesehen davon, dass sie meine zwei Lieblingssongs “Solace” und “Machine” nicht spielten, waren die Töne ungewohnt un-Electro. Piano stattdessen. Fand ich unangemessen.

 

Also das Resultat des ersten Tages: Läuft. Außer das Wasser, das läuft nicht (ab). Hoffentlich haben sie am Samstag eine Lösung gefunden. Meine Matschhose habe ich auf definitiv dabei. Und Fleckenzwerge sind vermutlich auch wieder mit dabei.

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Der perfekte Moment.

Eine alte Eisenbahnbrücke. Es riecht leicht nach Urin. Der Moment ist so unvollkommen, dass er schon wieder vollkommen ist, denn manchmal liegt Perfektion gerade darin, dass etwas nicht ganz perfekt ist. Dass man sich erlauben kann, schöne Dinge in imperfekten Momenten zu sagen.

Denn dann ist der Moment rein, die Gefühle sind nicht betrunken oder geblendet von den Umständen. Von einem schönen Sonnenuntergang, einem leckeren Essen, von den Sternen. Sondern allein von einigen Tonnen Stahl, die über unseren Köpfen hinwegziehen. Eine Bahn rattert darüber.

Es war, als hätte mein Unterbewusstsein nur auf diesen Moment gelauert. Um die volle Schrecklichkeit zu erfassen, die in diesem winzigen Augenblick saß. Und die Schönheit in der Hässlichkeit.

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