Momente

Die Melancholie der Kleinstadt

Wäre die Kleinstadt ein Wort, sie wäre sicherlich “Melancholie”. Beobachtungen bei einem Spaziergang.

Alle Jahre wieder bist du in der Stadt, in der du aufwuchst; an die du so viele schöne Erinnerungen hast: die ersten Freunde, die Schulzeit, Erfahrungen mit der Liebe. Doch wenn du dann durch die Stadt gehst, merkst du, dass sich diese Erinnerungen in deinem Kopf verändert haben.

Deine Erinnerungen sind, je öfter du darüber nachdachtest, andere geworden. Die Orte sind bunter, die Personen sehen besser aus: alles wurde zu Superlativen. Vermutlich spielte auch Musik im Hintergrund. Doch die Realität holt dich ein, wenn du an einem Montag Nachmittag durch die verlassenen Straßen der Kleinstadt, deiner Kleinstadt, gehst und dich fühlst wie ein Ameisenforscher, der das Treiben zwar versteht, aber doch nie eine Ameise sein kann.

Das Wetter verfärbt die Stadt in den depressiven Farben eines Mike-Leigh-Films. Kaum aus dem Haus, tönen von irgendwo her Trommelschläge. So sicher ich im ersten Moment bin, dass es sich dabei um nichts anderes als Trommelschläge handeln konnte, so unsicher bin ich mir im zweiten. Es hämmert jemand, wird mir bewusst. Die Straßen sind wie ausgestorben, alles erinnert an eine hereinbrechende oder bereits begonnene Apokalypse. Ein Hund bellt verzweifelt. Mit welchem Sinn?

Immer wenn ich an den wenigen Personen denen ich begegne vorbeigehe fühle ich mich wie ein Amnesie-Kranker: ich glaube, dass mich die Menschen erkennen, doch ich sie nicht.

Hinter den Fassaden der Einfamilienhäuser warten sie auf den Tod, schießt es mir durch den Kopf.

Wind fegt die ersten Blätter dieses Herbstes über die Straße. An ihrem Ende stehen drei Männer. Sie blicken mich ungläubig an, als ich näher komme. Doch bevor diese Situation zu einer werden kann, biege in einen kleinen Weg ab.

Kleinstadt ist dort, wo “Alles beim Alten” eine gute Aussage ist. Ich habe mich verändert, doch diese Stadt ist gleich.

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