Das Internet geht nicht mehr weg, Essay

Der Sturm vor der Ruhe

Kaum eine Woche vergeht ohne Ankündigung massiver Stellenkürzungen in der (digitalen) Wirtschaft. Auch in Deutschland ist das spürbar: Die Arbeitslosenquote steigt1. Das hängt natürlich aktuell noch nicht unmittelbar mit der wirtschaftlichen Umgestaltung durch Künstliche Intelligenz zusammen, sondern eher mit einer grundlegenderen strukturellen Wirtschaftskrise.

Es lässt sich allerdings kaum bestreiten, dass die rasante Entwicklung von KI bereits jetzt einen spürbaren Einfluss insbesondere auf sogenannte ‚White-Collar‘-Berufe hat. Ein neues ‚Schema‘ wie KI verändert viele dieser Industrien grundlegend und treibt in vielen die Technologisierung weiter voran.

In diesem Beitrag versuche ich aufzuzeigen, dass wir als Gesellschaft – trotz einiger kurzfristiger negativer Effekte durch KI auf den Arbeitsmarkt – am Beginn einer Phase stehen, in der eine historisch einmalige Kombination von Faktoren eine neue Welle an Gründungen und Innovation von Software- bzw. software-defined Produkten ermöglicht.

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Essay, Unterwegs

Smart Design for Everyday Reality

I’ve just returned from a three-week journey through Taiwan, where I explored culture and everyday technology as well as pursued my passion for photography.

Along the way, I noted a few small but telling observations. Some examples stood out:

☂️ 1. Umbrella-sharing (Raingo)
In Taipei, with nearly 170 rainy days a year, umbrella access is essential. Raingo solves this with a sharing model. A simple service, built around everyday reality.

🧾 2. Ordering and paying via QR code (iChef POS & LINE Pay)
QR-based ordering and payment are fully embedded in daily life. LINE Pay dominates non-cash payments. Unfortunately as a visitor without a Taiwanese bank account, I couldn’t set up an account myself.

🥤 3. Smart design for everyday reality
What struck me overall was how much attention is given to small, practical solutions. For example small carriers for takeaway drinks, allowing people to carry hot beverages without burning their hands. The next “Stanley Cup–style” everyday accessory? (An honorable mention goes to a telescopic grab-stick with a bag attached used to pick up dog droppings.)

And of course, TSMC is everywhere: from employees wearing their merch to magazine stories. And while NVIDIA’s Jensen Huang happened to be in Taipei to see chip makers at the same time, unfortunately we had no chance to meet up 😉

What impressed me most is that so many technology and design features address real needs, not spectacle. I’m leaving Taiwan feeling inspired and energized.

💭 This trip also made me reflect on what could be next for me and how I can help build smart, simple solutions with a direct impact on everyday life.

Finally, here are a few visual impressions:

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Essay, Web3

Web3 wird der Wettbewerb der Frontends

~2008 war ich fest vom aufkommenden Web 2.0 und seinen Versprechungen eines offeneren, partizipativeren und gleicheren Web überzeugt. Begriffe wie Prosument (read-write) – statt der reine Konsument (read) wie noch im Web 1.0 – wurden geboren und es war vom “Mitmach-Internet” bzw. interoperablen Web (durch selbstgehostete Blogs und Technologien wie RSS, Microformats und APIs) die Rede.

Doch es kam bekanntermaßen anders. Im jetzt entstehenden Web3 sehe ich einige Parallelen zur Anfangszeit und der Aufbruchstimmung damals. Doch auch wesentliche Unterschiede.

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Essay, Web3

Generative Kunst

Computer-Kunst und generative Kunst sind nicht neu, fast 30 Jahre sind allein seit Albert Oehlens Computer Paintings vergangen. On-chain generative art allerdings ist in seiner Form eine neue Richtung: hierbei wird der Code bzw. Algorithmus direkt auf eine Blockchain programmiert, durch auslösen dessen, das sog. minten (meist durch die Kunstkäufer:innen, die somit Bestandteil der Werkerstellung werden) wird ein Output generiert. Oftmals gibt es mehr Iterationen als früher, bei denen zwar in den besten Werken untereinander eine Ähnlichkeit vorhanden ist, aber keine zwei Iterationen genau gleich aussehen. Durch diesen Prozess des Mintens wird auch in den meisten Fällen keine Vorauswahl durch die Künstler:innen getroffen.

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Essay

The Future of Energy

The energy market is undergoing a far-reaching structural change. On one hand, a large proportion of energy is becoming electricity-based. On the other, “electricity” itself is changing: from predictable to more volatile sources and from centralized to decentralized production (where residential and corporate customers are not only consumers, but become producers themselves), while the individual producing and consuming assets need to be connected & controlled for better use.

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Essay

Das beste Europa, das wir kennen.

Vorige Woche sah ich eine Rede von Dr. Navid Kermani, die er anlässlich des 65. Geburtstages des Grundgesetzes vor den Abgeordneten des Bundestages hielt. Er lobte stark und überschwänglich den Weitblick der Mütter und Väter des Grundgesetzes. Er kritisierte die deutsche Asylpolitik, ja, aber er lobte die Grundrechte, die unsere Verfassung festschreibt. Er wies darauf hin, dass noch nicht alle im Grundgesetz verankerten Prinzipien in gebührendem Rahmen umgesetzt sind, doch kam, nachdem er die unmittelbare Vergangenheit Europas dargelegt hatte, Nationalismus und Schützengräben, Kalter Krieg und Berliner Mauer, zum Schluss: Wir leben im besten Europa, das wir kennen.

Ich dachte darüber nach, aber vergaß die Rede schnell wieder.

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Denkt niemand an die Tiere?, Essay

Mensch & Tier.

Tiere kommen in menschlichem Denken hauptsächlich mit Besitz- und Herrschaftsansprüchen vor. Herrschaft zeigt sich bereits, wenn von Mensch auf der einen Seite und Tier auf der anderen Seite gesprochen wird, also eine einzelne Art dem Rest gegenübergestellt wird. Ein speziesistischer Dualismus.

In Begriffen wie Haustier oder Nutztier findet sich der Besitzanspruch wieder. Eine durch die Geburt als Mitglied einer speziellen Art festlegte Rolle, der das Mitglied nicht entfliehen kann. Sein Lebensziel ist vorherbestimmt.

Eine Ausgrenzung findet sprachlich in der Verschiedenartigkeit der Worte statt, die gleiche Dinge beschreiben: fressen statt essen, Fell statt Haar, säugen statt stillen. Euphemismen wie schlachten, statt den einzig wahren Begriff dafür zu nutzen: ermorden.

Unreflektiert ihrer sprachlichen Kraft werden diese Wörter benutzt. Die Liste könnte beliebig lang fortgeführt werden.

Diese Kategorien jedoch sind konstruiert und resultieren aus einer auf Ausbeutung basierenden menschlichen Denkweise, die sich herunter brechen lässt auf: Leben wird nicht Leben genannt, Gleiches nicht als Gleiches geachtet.

Wie befreien wir uns aus diesem Denken?

Es muss eine radikale Revolution stattfinden: Eine Befreiung aus den Fängen sprachlich-gedanklicher und tatsächlicher Unterdrückung.

Denn auch der Mensch hält sich durch diese Einstellung selbst in Fesseln. Um frei zu sein, muss man zuerst sich selbst frei machen, schrieb einst schon Max Stirner.

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Empörung, Essay

Über Musik

Es ist erstaunlich, was zum zum Denken anregt: Zu den Klängen von Pink Floyds Dark Side Of The Moon an einem Sonntag Morgen mache ich mir Gedanken über den Stand der Musik in der Welt.

Angeregt wurde ich auch schon durch ein Gespräch von Freitag Abend, wo ein gerade kennengelernter Audiotechniker folgenden Satz formulierte, der sich mir mittlerweile in mein Gehirn gepflanzt hat: “Heutzutage geht es nicht mehr um die Klänge, sondern um die Anzahl der Verkäufe”. Es ging darum, welche hervorragende Qualität Plattenspieler liefern im Gegensatz zu CDs oder erst recht MP3s und dass Songs extra von der Klangbandbreite begrenzt werden (müssen?).

Es kann sein, dass dieser Satz etwas abgewandelt gesagt wurde, da er erst in meinem Kopf die Formen annahm, die er für mich jetzt vertritt. Denn er sagt alles aus, was die Musik seit der Jahrtausendwende für mich verkörpert – und nicht verkörpert.

Dass heute das, was wir unter “Musiker” verstehen, nicht mehr der Singer-Songwriter ist, sondern eine Marionette, die Songs aus einer Massenproduktion erhält und diese interpretiert (was soll das eigentlich bedeuten, bezogen auf etwa Britney Spears? Wo ist ihre “Interpretation”, ihre Deutung?). Wenn ich “heutige ‘Musiker'” sage, meine ich die Chartgrößen. Ich meine nicht die vielen kleinen Bands, die in Deutschland und auf der Welt proben, um ihre Musik zu verbessern, eigene Texte dazu schreiben, experimentieren. Auch nicht die Straßenmusiker und ihr Herzblut.

Das heutige Musikbgeschäft erinnert mich an den Künstler Martin Kippenberger, der seine Werke auch nicht selbst anfertigte und sich einfach durch seine Show, das Drumherum, von anderen Künstlern abhob. Und Erfolge feierte. Doch welche wichtige Bereicherung lieferte Kippenberge der Kunst mit der Kunst, die er nicht selbst anfertigte?

Für mich wird Musik in letzter Zeit immer wichtiger. Mir geht es dabei nicht darum, wie oft ein Stück oder ein ganzes Album verkauft wurde, sondern um den künstlerischen, experimentellen Ansatz daran, die Bedeutung der Lyrics, das Zusammenspiel von ebendiesen und Melodie, schlichtweg: um genau das, worum es den heutigen “Musiker” nicht mehr geht.

Die Musik, die heute produziert wird, verträgt sich nicht mit meinem Hörverhalten. Ich möchte mir nicht stupide Partymucke reinballern à la “Hey, das geht ab” oder “Fire burnin’ on the dance floor” und ich möchte nicht sich wiederholende Loops und Synthesizergedöns – ich möchte Musik. Gitarrenriffs, belastete Stimmen bis zum Äußeren, Kunst. Ja, Kunst.

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf versteht man meine Aussage, dass ein wahrer Musiker froh wäre, wenn seine Musik getauscht würde, hoffentlich besser. Denn dem echten Musiker geht es darum, Menschen mit seiner Kunst zu begeistern. Und wenn Menschen seine Kunst nun einmal auf YouTube konsumieren möchten…

Es gibt Augenblicke, da liege ich auf dem Bett, höre ein Musikstück und bin so ergriffen, dass ich die Schönheit dieses Musikstückes über meine Umwelt stelle, abhebe sozusagen. Das ist Kunst.

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Essay

Über die Arbeit

Da ich einer Diskussion letztens die Frage aufkam, wie ich Arbeit definiere, habe ich mir darüber Gedanken gemacht und meine Grundthese einmal zusammengefasst:

Für mich bedeutet Arbeit nicht, dass ich einem Unternehmen diene, sondern dass das Unternehmen mir dient. Nicht so, dass das Unternehmen für mich arbeitet (im Sinne von Dienerschaft), sondern dass es meine Weiterentwicklung und -bildung als Mensch beflügelt und mir so einen Mehrwert schafft, mir dient. Diese Wissensvermittlung läuft oft im Rahmen der Tätigkeit ab, kann aber auch durch einzelne Menschen ausgelöst werden. Wenn zwischen den Interessen des Unternehmens und den Lern- und Entwicklungsinteressen des Arbeitnehmers Synergien vorherrschen, dann ist das optimal.

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