Essay

Das beste Europa, das wir kennen.

Vorige Woche sah ich eine Rede von Dr. Navid Kermani, die er anlässlich des 65. Geburtstages des Grundgesetzes vor den Abgeordneten des Bundestages hielt. Er lobte stark und überschwänglich den Weitblick der Mütter und Väter des Grundgesetzes. Er kritisierte die deutsche Asylpolitik, ja, aber er lobte die Grundrechte, die unsere Verfassung festschreibt. Er wies darauf hin, dass noch nicht alle im Grundgesetz verankerten Prinzipien in gebührendem Rahmen umgesetzt sind, doch kam, nachdem er die unmittelbare Vergangenheit Europas dargelegt hatte, Nationalismus und Schützengräben, Kalter Krieg und Berliner Mauer, zum Schluss: Wir leben im besten Europa, das wir kennen.

Ich dachte darüber nach, aber vergaß die Rede schnell wieder.

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Denkt niemand an die Tiere?, Essay

Mensch & Tier.

Tiere kommen in menschlichem Denken hauptsächlich mit Besitz- und Herrschaftsansprüchen vor. Herrschaft zeigt sich bereits, wenn von Mensch auf der einen Seite und Tier auf der anderen Seite gesprochen wird, also eine einzelne Art dem Rest gegenübergestellt wird. Ein speziesistischer Dualismus.

In Begriffen wie Haustier oder Nutztier findet sich der Besitzanspruch wieder. Eine durch die Geburt als Mitglied einer speziellen Art festlegte Rolle, der das Mitglied nicht entfliehen kann. Sein Lebensziel ist vorherbestimmt.

Eine Ausgrenzung findet sprachlich in der Verschiedenartigkeit der Worte statt, die gleiche Dinge beschreiben: fressen statt essen, Fell statt Haar, säugen statt stillen. Euphemismen wie schlachten, statt den einzig wahren Begriff dafür zu nutzen: ermorden.

Unreflektiert ihrer sprachlichen Kraft werden diese Wörter benutzt. Die Liste könnte beliebig lang fortgeführt werden.

Diese Kategorien jedoch sind konstruiert und resultieren aus einer auf Ausbeutung basierenden menschlichen Denkweise, die sich herunter brechen lässt auf: Leben wird nicht Leben genannt, Gleiches nicht als Gleiches geachtet.

Wie befreien wir uns aus diesem Denken?

Es muss eine radikale Revolution stattfinden: Eine Befreiung aus den Fängen sprachlich-gedanklicher und tatsächlicher Unterdrückung.

Denn auch der Mensch hält sich durch diese Einstellung selbst in Fesseln. Um frei zu sein, muss man zuerst sich selbst frei machen, schrieb einst schon Max Stirner.

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Essay

Die Emanzipation des Mannes

Es gab und gibt die Emanzipation der Frau. Diese ist lange noch nicht am Ende, es liegt noch ein wohl auch steinigen Weg vor uns, der besonders von den Männern kognitive Ressourcen und Umkonditionierungen verlangt.

Doch wir sind schon ein gutes Stück gegangen. Frauen können in vielen Fällen trotz Kinder ihren Beruf weiterführen, werden nicht mehr als ›für den Herd gemacht‹ gesehen und junge Mädchen dürfen im Boyfriend-Look zu Cro-Musik tanzen.

Es ist doch schön.

Die heranwachsenden Mädchen sind sogar in der Konsumlandschaft emanzipiert: sie dürfen kaufen, was sie wollen. Eben auch jede Form von Ü-Ei, die ihnen gefällt. Ob mit Monstern, Hippos oder Drachen, ob mit Puzzlen oder Benjamin Blümchen.

Nun entschied sich der Hersteller Ferrero vor einiger Zeit, spektakulär, kontrovers und reflexartig diskutiert, für die Einführung des ›Mädchen-Ü-Eis‹ und viele auch von mir sehr geschätzte Theoretikerinnen und Theoretiker war diese, ich nenne sie mal ›Line Extension‹, ein Schritt zurück auf dem bereits geschrittenen Weg.

Wieder einmal wurde eine ›Zielgruppe weiblich‹ erschaffen, erneut wurden mit klischeeartigen Lillyfee-Welten eigentlich genderneutrale Produkte an das junge Mädchen gebracht. Wieder wurde den Mädchen vorgelebt, wie sie ihren Alltag zu gestalten hätten: mit Feen, rosa, Plüsch. Und Niedlichkeit.

Ja, das ist ein gesellschaftliches Problem. Aber nein, Ferrero ist nicht böse und aus Marketingsicht ist dieser Schritt konsequent. Denn das Ü-Ei ist, würde ich behaupten, zwar als Marke eher männlich positioniert, wird aber heutzutage von kleinen Mädchen ebenso gekauft wie von kleinen Jungen  – von den vielen bereits ausgewachsenen Markenfans gar nicht zu sprechen.

Das eigentliche Problem, das leider viel zu sehr übersehen wird, ist: wie bringen wir Feen und anderes, eher als ›weiblich‹ gebrandmarktes Spielzeug in unserem Sortiment unter. Ohne die männliche Zielgruppe zu verlieren. Vor genau dieser Herausforderung standen die Marketingstrategen im Hause Ferrero.

Denn, und hier kommen wir wieder zu dem eingangs erwähnten Phänomen und nähern wir uns langsam dem Thema des Artikels: heutzutage können Mädchen ohne Probleme ›Jungenspielzeug‹ kaufen. Sie werden darin gefördert, denn es wird als emanzipiert angesehen. Die Gesellschaft freut sich, wenn ihre Kleinen mit Autos spielen, Superhelden gut finden oder Mario Cart ›zocken‹. Oder später Star Wars Fans werden, Bier trinken und einen eher männlich geprägten Beruf erlernen.

Das ist alles toll. Und richtig. Doch auf der anderen Seite: wie werden die Jungen darin gefördert, mit – ich benutze jetzt bewusst die zwei klischeebehaftetsten Begriffe – Kleidern oder Puppen zu spielen? Welcher Vater hätte seinem nach einem Feen-Ü-Ei schreienden Jungen diesen Wunsch erfüllt? Wohl die wenigsten.

Ferrero schreit groß ›nur für Mädchen‹ in den Werbebotschaften. Nicht etwa, weil sie männliche Kunden vom Kauf ausschließen wollen. Nicht, weil sie kleinen Mädchen etwas Rückwärtsgewandtes vorleben möchten. Weil sie ihre (männliche) Zielgruppe nicht verlieren möchten. Weil die Männer, im Gegensatz zu den Frauen, ihre Emanzipation noch nicht hatten.

Vielleicht sogar, weil sie im Emanzipationstaumel und im andauernden Prozess vergessen wurden. Oder sich selbst vergaßen.

Wir befinden uns in der männlichen Welt. In vielen Kreisen ist ›schwul‹ nach wie vor ein Schimpfwort. Wer Feen kauft oder seine Wohnung rosa streicht, der ist doch sicher »nicht ganz normal«. Andersherum: eine hellblau gestrichene Frauen-WG, in der eine Bewohnerin Siku-Oldtimer sammelt – cooooool!

Warum wird einem männlichen Pfleger nach wie vor das Leben schwer gemacht? Welche Pflegerin wird nach ihren Motiven gefragt, sich »den ganzen Tag mit kleinen Kindern zu beschäftigen« und hierbei schon beinahe anklagend angesehen? (Erfahrung aus dem Bekanntenreis.)

Wir leben in der ›Tofu ist schwules Fleisch‹-Gesellschaft. Wir sind gar nicht mal so offen, wie wir denken. Das muss sich ändern.

Ich glaube, die männliche Emanzipation muss insbesondere in uns, mit uns stattfinden – ich spreche hier sehr bewusst die Männer an. Sie geht einher mit einer Neudefinition der Männlichkeit, in deren Findungsphase wir uns derzeit befinden (es gab in letzter Zeit genug Artikel, die sich dieses Themas annahmen).

Ich denke, es ist an der Zeit. Oder?

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