Denkt niemand an die Tiere?, Essay

Ingroup vs. Outgroup: Wen streicheln?

Gesellschaftlich wurde schon immer über Grenzen definiert, wer zu ihr gehört und wer nicht. Seit der ersten Bildung von Stämmen bestimmen diese gesellschaftlichen Konstrukte, die aus vielen einzelnen kulturellen Werten, Normen und Traditionen (und sprachlichen Nuancen) bestehen, wer dazu gehört – und wer nicht.

Vor einigen hundert Jahren waren es die Schwarzen der Vereinigten Staaten, die erst in die amerikanische Gesellschaft gebracht und anschließend dort unter unwürdigen Bedingungen festgehalten wurden. Lange Zeit sah die weiße Mehrheit nur Unterschiede und keine Gemeinsamkeiten – bis doch der Zeitpunkt kam, die Grenze verlegt wurde.

Später — und leider heute — waren und sind es andere Gruppen. Frauen, Homosexuelle, Menschen mit Behinderung. Immer wurde und wird eine Grenze gezogen. Willkürlich.

Wo es Grenzen gibt, gibt es zwangsläufig innen und außen, drinnen und draußen, dabei und nicht dabei. Es gibt eine Ingroup und eine Outgroup. Ein Wir und ein Die.

Einige dieser Grenzen sind im Laufe der Geschichte gefallen, wodurch die gesellschaftliche Übereinkunft, wer zur Ingroup gehört, verändert wurde. Einher gingen damit oft die Anerkennung und Manifestierung grundlegender Rechte dieser Gruppen, die nun zum Wir gehörten.

Andere Grenzen bestehen bis heute.

Eine von ihnen verläuft zwischen dem Mensch und “dem Tier”.

Ja. Einige, etwa Katzen oder Hunde, nehmen wir in unsere Familie auf, über ihren Nachwuchs freuen wir uns, an ihrem Leben finden wir Freude — und um ihren Tod trauern wir so, als wäre ein Mensch gestorben. Wer sie unseren Ethikvorstellungen widersprechend behandelt, den bestrafen wir.

Doch auch innerhalb der nicht-menschlichen Tiere verlaufen Grenzen. Wir unterschieden in Haustiere, Nutztiere (domestizierte Tiere, die einst gewaltvoll von uns in unsere Mitte gebracht wurden), Tiere die freiwillig in unserer Gesellschaft Futter oder Schutz suchen oder diejenigen Tiere, die wir romantisch als ›wilde Tiere‹ bezeichnen.

Während wir mit unserem Hund, akzeptiert als Bestand der Familie, gegenseitig liebkosend auf dem Sofa sitzen, verschließen wir die Augen vor dem Unrecht, das anderen Tieren widerfährt: den Tieren, die wir noch nicht ganz so weit in unsere Gesellschaft gebracht haben. Die also noch weiter Outgroup sind.

So etwa die Tiere in den Ställen, die dort unter Umständen leben, die ein freies Leben nicht ermöglichen. Und dieses ist auch seitens derer, die eigentlich für sie sorgen sollten, gar nicht gewünscht: Sie leben in Ställen rein aus dem Zweck, profitabel zu sein — nicht aus einem Selbstzweck heraus, wie es der eigentliche Lebenssinn wäre.

Wir geben diesen Tieren zwar das Leben, doch nehmen ihnen gleichzeitig jede Freiheit, es auszukosten. Wir sehen sie als Produktionsgut. Anders: Ihre grundlegenden Rechte werden beschnitten.

Das bedeutet, dass wir, jedes Mal wenn wir etwa ein Stück Fleisch oder einen Käse essen, eine Grundrechtsverletzung begehen. Es ist eine so simple Verletzung, dass man eigentlich nicht viele Worte brauchen müsste, um darauf hinzuweisen. Wer lebt, aber nicht frei ist zu handeln – was bringt ihm dann sein Leben?

Wir müssen die Grenze noch ein Stück weiter öffnen und auch die nicht-menschlichen Tiere, die nicht mit uns auf dem Sofa kuscheln, in unsere Mitte lassen.

Im vergangenen Jahrhundert sahen wir viele Bewegungen, die gesellschaftliche Fortschritte erzielen konnten: friedliche Demonstrationen für Demokratie, Antirassismus, Antifaschismus, Feminismus, die Behindertenbewegung. Gleichzeitig wächst auch die Akzeptanz des Antispeziesismus, was sich an der steigenden Zahl von Veganer_innen und Vegetarier_innen ablesen lässt.

Schon lange nicht mehr geht es um die Frage, ob Tiere Schmerzen spüren oder ob sie intelligent sind – diese wurde sowohl von Forschung als auch von der Philosophie unlängst beantwortet. Es geht stattdessen darum, in welchem Maße sie es tun und sind. Ethisch kann diese Tatsache nichts anderes bedeuten als Tierrechte. Um eine Grenzöffnung.

Es muss klar sein, dass Tierrechte auch das einzelne Individuum betreffen und eine Verhaltensänderung nach sich ziehen müssen.

Doch ich bin optimistisch, dass die Qualität der Argumente, einige von ihnen habe ich versucht in diesem Beitrag versucht, noch mehr Menschen überzeugen wird, die tägliche Rechteverletzung von Menschen an nicht-menschlichen Tieren zu erkennen

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