Denkt niemand an die Tiere?

Carnism.

Melanie Joy, Professorin für Psychologie und Soziologie, schrieb ihre Doktorarbeit über unser Verhalten beim Fleischkonsum und die psychologischen Prozesse dahinter. Jahre später, 2010, erschien eine weitreichend überarbeitete Version dieser Arbeit unter dem Titel »Why we love dogs, eat pigs, and wear cows« als Buch.

Joy beginnt damit, den Leser mittels einem Beispiel an das Thema, das sie später carnism taufen wird, heranzuführen: Auf einer Party wird den Gästen Hundefleisch angeboten, diese reagieren geschockt und angewidert. Als der Gastgeber jedoch erklärt, lediglich einen Witz gemacht zu haben und dass es gewöhnliches Kuhfleisch sei, entspannt sich die Situation; die Gäste beginnen zu essen.

Die Soziologin erklärt, dass Fleisch bzw. die verschiedenen Sorten Fleisch viel mit perception zusammenhängen: Wir verspeisen also Kuhfleisch während wir Hundefleisch meiden, weil wir eine unterschiedliche Vorstellung davon haben.

Der Grund dafür liegt in unserem schema, einem psychologischen Glaubensgerüst, das sich aus eigenen Erfahrungen und Ideen zusammensetzt, aber auch stark aus äußeren Eindrücken und ‘der Norm’. Es kann als ‘gelernt’ bezeichnet werden. Schemen sind generell wichtig, denn sie arbeiten im Gehirn als Klassifizierungssysteme zur Einschätzung von Sachverhalten. Im Fall von Fleisch wird dieses allerdings in zwei Arten unterschieden: edible (essbar) und inedible (nicht essbar).

Bei Tieren, die von unserem schema als inedible klassifiziert wurden, passiert etwas, das bei als edible eingestuften Tieren nicht passiert: Wir sehen das Tier vor uns. Den Hund. Die Katze. Wir haben einen Gefährten vor uns, den wir bei Namen nennen, nicht ein ‘es’ sondern einen ‘ihn’ oder ‘sie’. Natürlich wissen wir, dass auch edible Fleisch von etwas Lebendigem kommt, doch diese sehen wir nicht.

Ebenso wie unsere schemas gelernt sind, ist es auch der Fleischkonsum an sich. Wir als Menschen lieben Tiere, das steht außer Frage. Allerdings müssen wir gleichzeitig, damit wir diese geliebten Tiere essen können, unserem Gehirn etwas vorspielen: psychic numbing wird dieser Vorgang genannt.

Numbing bezeichnet einen psychologischen Prozess, bei dem wir uns mental und emotional von unseren Erfahrungen abklemmen. Auch diese Prozesse sind natürlich und hilfreich, etwa damit Menschen die Gewalt erfahren haben, mit dieser leichter umgehen können. Wenn wir allerdings numbing einsetzen, um Gewalt zu rechtfertigen bzw. wir nicht wahr haben wollen, dass diese – wenn auch weit entfernt – auch in unserem Namen geschieht, wird unsere menschliche Empathie schnell zu Apathie – Ablehnung, Vermeidung, Routinierung, Rechtfertigung, Objektifizierung, Deindividuation, Dichotomisierung, Rationalisierung und Abgrenzung setzen ein. Begriffe, auf die Joy später noch kommen wird.

Nun wo wir wissen, wieso wir diese Zweiklassenunterscheidung von Tieren haben, ist der der erste Schritt zu mehr Empathie, das versteckte System offenzulegen. Joy zeigt, dass Fleischkonsum – ebenso wie Vegetarismus bzw. Veganismus – eine Entscheidung (choice) und keine Notwendigkeit ist. Folgerichtig nennt sie Menschen, die sich dazu entscheiden, Fleisch zu konsumieren, carnists.

Carnism als Ideologie ist, weil sie so tief verwurzelt, so mainstream ist, »essentially invisible«. Dass dies so bleibt, liegt auch daran, dass sie als Ideologie ohne Namen blieb. Carnism bleibt sozial und psychologisch unsichtbar, auch durch Begriffe, die wir nutzen (to slaughter statt to kill oder beef)

Doch nicht nur das: violent ideologies, wie carnism unzweifelhaft eine ist, hängen zudem davon ab, physisch unsichtbar zu sein, also nicht dort stattzufinden, wo die Öffentlichkeit ihr Auge hat.

In abgeschotteten Fabriken, oftmals sogar uneinsehbar für staatliche Inspektion, findet noch ein weiteres Verbrechen statt: Die psychische Verkümmerung der Arbeiter. Routinierung stellt sich ein (»you develop an attitude that lets you kill things (sic!) but doesn’t let you care.«).

Doch womit wird diese Gewaltideologie in der Gesellschaft gerechtfertigt? Mit den gleichen Argumentationshintergründen, die auch andere violent ideologies begründen sollen die three Ns of Justification. Fleischkonsum sei normal, natural und neccessary. Diese Argumente helfen seit jeher dabei, alle auf Ausbeutung ausgelegten Systeme zu rechtfertigen – von der Sklaverei bis zum Holocaust.

Institutionen, auch der Staat, helfen dabei, diese Ausbeutung normal werden zu lassen. So sind Menschen vor dem Gesetz zwar Personen, Tiere allerdings Sachen (bzw. sachenähnlich) – sie sind Eigentum und Besitz. Die soziale Norm schließt Fleischkonsum ein. Das liegt vor allem daran, dass Fleischkonsum als given angesehen wird, nicht als choice. (Was Joy, wie oben beschrieben, widerlegt hat.)

Auch wird immer wieder gern behauptet, es sei natürlich, dass Menschen Fleisch, dass es schon immer in unserer Natur gelegen hätte. Jedoch wird in Joys Ausführungen deutlich, dass viele Dinge, die als natural angesehen werden, in Wahrheit von jenen konstruiert werden, die sich oben auf dieser natürlichen Hierarchie sehen, wie etwa bei den Nazis. Eine echte Nahrungskette hat, per Definition, selbstverständlich kein ‘oben’ und kein ‘unten’.

Auch der Irrglaube, dass Fleisch zum menschlichen Überleben necessary ist, wird schnell widerlegt – aktuelle Studien belegen es einmal mehr.

Carnism verzerrt unsere Wahrnehmung der Realität. Dies geschieht insbesondere durch das sogenannte cognitive trio: objectification, deindividualization und dichotomization. Auch diese sind normale (unbewusste!) psychologische Prozesse, die jedoch im Zusammenhang mit carnism unseren Blick trüben.

Objectification bezeichnet den Prozess, Lebewesen als Dinge anzusehen, etwa in der Gesetzgebung als auch unserer Sprache (beides siehe oben). Deindividualization bezeichnet den Prozess, Individuen nur als Gruppe wahrzunehmen – es gibt Beispiele, dass Individuen wie Emily die Kuh, herausgerissen aus der Masse und eine Identität gegeben, Menschen berühren, während es ‘normale’ Kühe nicht tun. (Ganz interessant ist an dieser Stelle auch eine Studie, die herausfand, dass je größer die Anzahl an Opfern ist, desto öfter diese in Gehirn depersonalized werden und ein Zeuge dadurch weniger Anteil nimmt.) Dichotomization ist die Kategorisierung in zwei gegenüberliegende Kategorien: edible and inedible, süß und hässlich.

Je weniger wir uns mit anderen identifizieren, desto weniger sind wir empathisch, die Psychologie kennt es unter den Namen similarity principle.

Rationalization dessen, was nicht rational ist, sowie unser eigenes internal schema helfen uns zudem, keinen Ekel zu empfinden. Durch das carnistic schema wird entschieden, »what we notice, how we interpret what we notice, and whether we remember what we notice«.

Melanie Joy fordert uns in ihrem Werk auf, aktiver zu werden, mehr zu tun; zu verstehen, wie diese Ideologie, wie carnism, tatsächlich funktioniert. Zeuge zu werden. Nur dadurch, dass wir Zeuge werden, entsteht Empathie. Wie die Nobelpreisträgerin und Holocaust-Überlebende Elie Wiesel zum Schluss des Buches zitiert wird: »Neutrality helps the oppressor, never the victim. Silence encourages the tormentor, never the tormented.«

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