Rezension

Was macht den Menschen böse?

Dieser spannenden Frage ist vor einigen Jahrzehnten der Psychologe Erich Fromm nachgegangen und hat seine Erkenntnisse im dem Buch “Die Seele des Menschen” niedergeschrieben. Drei Faktoren konnte Fromm herausarbeiten, die zusammen das sogenannte “Verfallssyndrom” bilden.

Ein Faktor ist für Fromm Nekrophilie: die Liebe zum Toten. Er bezieht Nekrophilie nicht auf die sexuellen Gelüste, sondern zu dem Hintergrund: ein nekrophiler Mensch etwa ‘kann zu einem Objekt – einer Blume oder einem Menschen – nur dann in Beziehung treten, wenn er sie besitzt’. Nekrophile Tendenzen sind gegen das Leben gerichtet. Nekrophile Menschen streben nach Gewissheit; im Tode als einzig Gewisses sehen sie die Antwort. Jeder Mensch hat nekrophile und biophile – “biophil”: die Liebe des Lebendigen – Neigungen: ‘es kommt darauf an, welche der beiden Tendenzen dominiert’.

Eine gewisse Selbstliebe wohnt jedem Menschen inne, doch ist er normalerweise auf ‘das sozial akzeptierte Minimum reduziert’. Ist dieser Narzißmus stärker ausgeprägt, ist es dem narzißtischen Menschen unmöglich, sich in eine andere Person als die eigene hineinzuversetzen. Laut Fromm gibt es noch eine weitere, meiner Meinung nach um einiges Spannendere, Variante: der Gruppen-Narzißmus. Hier überträgt sich die Liebe auf eine Gruppe, etwa die Nation oder ‘Rasse’. Jeder Ursprung von Nationalismus oder religiösen Fanatismus ist Gruppen-Narzißmus und somit die ‘Überschätzung der eigenen Einstellung und de[r] Hass gegen alles, was davon abweicht’.

Zum Schluss geht Fromm auf eine gestörte Mutterbindung ein, die “inzestuöse Symbiose”. Kann ein Kind die Mutterbindung nicht überwinden, kommt es zu einer krankhaften Bindung. Bezieht sich die Mutter im Kindesalter auf die Person, die Geborgenheit und uneingeschränkte Liebe verspricht, können später andere Dinge zur “Mutter” werden. Hier liegt eine Verwandschaft zum Narzißmus vor.

Treten diese drei Phänomene gemeinsam auf, spricht Fromm vom “Verfallssyndrom”. Je größer diese Regressionsebenen – also das Streben auf alle diese Faktoren zu – bei einem Menschen ist, desto ‘böser’ ist er.

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