Kaum eine Woche vergeht ohne Ankündigung massiver Stellenkürzungen in der (digitalen) Wirtschaft. Auch in Deutschland ist das spürbar: Die Arbeitslosenquote steigt1. Das hängt natürlich aktuell noch nicht unmittelbar mit der wirtschaftlichen Umgestaltung durch Künstliche Intelligenz zusammen, sondern eher mit einer grundlegenderen strukturellen Wirtschaftskrise.
Es lässt sich allerdings kaum bestreiten, dass die rasante Entwicklung von KI bereits jetzt einen spürbaren Einfluss insbesondere auf sogenannte ‚White-Collar‘-Berufe hat. Ein neues ‚Schema‘ wie KI verändert viele dieser Industrien grundlegend und treibt in vielen die Technologisierung weiter voran.
In diesem Beitrag versuche ich aufzuzeigen, dass wir als Gesellschaft – trotz einiger kurzfristiger negativer Effekte durch KI auf den Arbeitsmarkt – am Beginn einer Phase stehen, in der eine historisch einmalige Kombination von Faktoren eine neue Welle an Gründungen und Innovation von Software- bzw. software-defined Produkten ermöglicht.
Was ich zurzeit in vielen Gesprächen beobachte: Menschen, die früher nur vage mit diesem Gedanken gespielt haben, können sich inzwischen eine Gründungskarriere (inklusive Solo-Unternehmertum) ganz konkret vorstellen. Hier liegt enormes Potenzial, insbesondere durch die zunehmende Autonomie infolge der Demokratisierung von Softwareentwicklung sowie vieler Werkzeugen zur Distribution von Inhalten und Ideen.
Das betrifft Menschen, die zuvor bereits im Bereich Software oder der Digitalwirtschaft tätig waren, aber auch solche aus ‚betroffenen‘ Industrien, die bislang keine Berührungspunkte damit hatten, aber sehen, wie schnell sich gerade Organisationen verändern.
Arbeitsplätze in Tech
“we’re not making this decision because we’re in trouble. our business is strong. gross profit continues to grow, we continue to serve more and more customers, and profitability is improving. but something has changed. we’re already seeing that the intelligence tools we’re creating and using, paired with smaller and flatter teams, are enabling a new way of working which fundamentally changes what it means to build and run a company. and that’s accelerating rapidly.”
So direkt wie Twitter-Mitgründer Jack Dorsey und sein neues Unternehmen Block sind in ihrer Argumentation nur wenige andere (vor allem Tech-)Unternehmen. Auch wenn vereinzelt Menschen wieder eingestellt werden, die zuvor von Layoffs betroffen waren, zeigt sich aus meiner Sicht aktuell eine klare Tendenz: Unternehmen beginnen ihre Teams neu aufzustellen. Teilweise unter dem vorgeschobenen Argument der KI-Transformation, teilweise weil besonders durch KI-Agenten wie Claude Cowork oder Claude Code wirklich der Arbeitsalltag fundamental anders geworden ist als noch vor wenigen Monaten2.
Es ist natürlich richtig, dass die Faktoren für die Arbeitsmarktkrise (“der Sturm”) vielfältig sind und es lässt sich durchaus gut argumentieren, dass auch viele Entlassungen im Tech-Bereich Korrekturen der Über-Einstellungen aus den Jahren 2021 und 2022 sind im Zusammenspiel mit einer neuen Zinssituation.
(In Deutschland gibt es zweifelsohne viele Herausforderungen, etwa konkret in der Automobilindustrie, aber auch generell in der volkswirtschaftlichen Fokussierung sowie den aktuellen engen Rahmenbedingungen für strukturelle Transformationen größerer Unternehmen, wie mein Freund Leo Becker kürzlich aufgezeigt hat.)
Allerdings sehen wir aktuell aus meiner Sicht eine Technologie in ihren Kinderschuhen, die gesellschaftliche Veränderungen herbeiführen wird, wie wir sie seit der industriellen Revolution nicht mehr erlebt haben.
“Probleme sind nur dornige Chancen“
Der Spruch, dass Krisen Chancen für Wandel und Wachstum bieten, ist so alt wie die Krise selbst. Gleichzeitig sehe ich im Einfluss von KI auf den Arbeitsmarkt auch eine enorme Möglichkeit, dass Neues entsteht – wie ein Blick in die Geschichte zeigt:
Über Jahrhunderte hinweg haben viele Menschen Zeiten allgemeiner Unsicherheit für Investitionen oder den Aufbau neuer Unternehmen genutzt. Die dahinterstehende optimistische Haltung ist nicht nur Wunschdenken, sondern lässt sich auch belegen, etwa mit Blick auf die Finanzkrise 2008:
Einer Untersuchung von Mattermark zufolge waren die Krisenjahre 2007 bis 2009 für neu gegründete US-Softwareunternehmen, die mindestens 100 Millionen Dollar an Gesamtfinanzierung erhalten haben, überraschend fruchtbar. In dieser Zeit entstand auch die „Sharing Economy“, konkret wurden Unternehmen wie Airbnb und Uber hier gestartet3. Die steigende Smartphone-Verfügbarkeit (“iPhone-Moment” im Jahre 2007) beflügelte ihre Entwicklung.
Auch Studien (z. B. Koellinger & Thurik 2012) weisen auf einen positiven Zusammenhang zwischen höherer Arbeitslosigkeit und Gründungsaktivität hin4.
Eine historisch einzigartige Kombination
Vorab: Natürlich sind nicht alle von der Arbeitsmarktrealität Betroffenen in der Lebenssituation oder mit den Voraussetzungen ausgestattet, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen oder größere Investments zu täten. Wer etwa Familie ernährt oder schlicht nicht aus dem Tech-Umfeld kommt, denkt vielleicht anders darüber nach. Ein Großteil wird auf andere Weise einen Weg zurück in den Arbeitsmarkt finden und das Wie ist politisch wie gesellschaftlich eine wichtige Frage.
Was ich im Folgenden beschreibe, ist deshalb explizit als Ausschnitt gemeint: eine aus meiner Sicht große Chance für jene, die Ideen, Fähigkeiten und die Bereitschaft mitbringen, mit den (nach wie vor vorhandenen) Risiken umzugehen.
Ich denke, wir erleben aktuell (auch und nicht zuletzt durch KI befähigt) vor allem für software-getriebene Produkte eine historisch einzigartige Kombination5 verschiedener positiver Faktoren:
→ Wie bereits erwähnt, freies Talent auf hohem Gehaltsniveau, das auf dem freien Arbeitsmarkt nicht ohne Weiteres denselben Standard wiederfinden würde.
→ Momentum: Menschen wollen jetzt handeln und haben Angst, eine für ihr Leben größere Chance „zu verpassen“. Die Bereitschaft, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen, ist gefühlt so hoch wie selten.
→ Viele Ideen, die vor wenigen Jahren noch nicht umsetzbar gewesen wären und jetzt durch die Entwicklungen in KI denkbar sind
→ Schrumpfende Kapitalanforderungen zum Beispiel in den Bereichen Software-Produktentwicklung oder Team (”KI-Agenten als Kollegen”)
→ Die Kosten des Scheiterns im Software-Bereich sind tendenziell strukturell gefallen, was die Risikobereitschaft rational erhöht. Früher war eine fehlgeschlagene Gründung teurer, heute bedeutet ein Scheitern nach 6 Monaten mit einem Software-Produkt oft dass minimales Kapital verbrannt wurde
→ Verfügbare finanzielle Ressourcen (ohne höheren Kredit- oder Venture-Capital-Bedarf) bei Einzelnen. Zumindest in Deutschland durch ein staatliches Sicherheitsnetz und Angebote wie dem Gründungszuschuss, aber in vielen Fällen auch durch ein ”Gutfühl”-Puffer durch angefallene Abfindungszahlungen.
→ Höhere mögliche Umsetzungsgeschwindigkeit (durch Agentic Engineering) bis zu einem anfassbaren Prototypen / MVP und dadurch schnelleres Iterieren, früher Entwicklerteam nötig

Das Zusammenspiel dieser Faktoren ist entscheidend. Was hierdurch möglicherweise an Kreativität und Ideenreichtum freigesetzt wird, kann uns wertvolle stabile neue Unternehmen in den nächsten Jahren bringen (“die Ruhe”)6.
In einem kürzlich angehörten Vortrag ging es darum, dass Umsetzung – früher ein echter Engpass – heute einfach geworden ist7. Genau deshalb kommt es umso mehr auf eine „unique idea“, Distribution, Marke, Community und weitere Faktoren als potentielle Moats an.
Nicht jeder, der jetzt so einfach wie vorher nie eigene Produkte entwickeln kann, wird auch ein guter ”Produkt-Mensch” sein. Genauso wenig, wie die Verfügbarkeit einer Kamera in jeder Hosentasche dazu geführt hat, dass alle Menschen herausragende Fotografen werden. Aber es hat die Kreativität in einigen Menschen geweckt, die früher nie eine Kamera in die Hand genommen hätten.
Ich bin sehr gespannt, welche Kreativität freigesetzt wird, welche Ideen sich durchsetzen werden und welche großen Unternehmen daraus entstehen.
Ich selbst habe in den letzten Monaten viel mit Apps und Tools wie Replit, Claude Code, Codex, Gstack, Cursor oder Conductor gearbeitet und mir eine Vielzahl an Anwendungen für den eigenen Bedarf gebaut mit der übergeordneten Vision, daraus möglicherweise irgendwann einmal ein „portfolio of bets“ zu entwickeln.
1 Kreative statistische Spielereien und Faktoren wie die Nicht-Erwähnung von Menschen über 58, Aufstocker, “Stille Reserve” und Kurzarbeit machen es schwierig, die Zahlen wirklich über Dauer sauber zu vergleichen.
2 Besonders interessant wird die Entwicklung von Token-Kosten in den nächsten Jahren sein.
3 Im Sinne des “Survivorship Bias” sei selbstverständlich zu erwähnen: Natürlich gibt es auch viele tausende Start-ups, die in dieser Zeit gescheitert sind.
4 Die Forschungslage ist nicht eindeutig. Sedláček & Sterk (2017) zeigen am Gegenteil, dass in Rezessionen gegründete Firmen-Kohorten langfristig schwächer wachsen als Boom-Kohorten. Mir geht es allerdings nicht um den Durchschnitt, sondern um die besonderen Unternehmen, die Ausreißer, die aus solchen Phasen entstehen und ganze Branchen verändern.
5 Während des Dot-com-Booms etwa brauchte es noch signifikantes Kapital für Server, Infrastruktur und Entwickler:innen.
6 Noch gar nicht absehbar sind außerdem die Second-Order-Effekte, die durch KI entstehen werden. Wer die Second-Order-Effekte von KI am besten antizipiert und zum richtigen Zeitpunkt mit einem ”gut genugen” Produkt am Markt ist, wird im entscheidenden Vorteil sein.
7 Fair enough, das trifft vor allem auf die Pilot- bzw. Prototypphase von software-basierten Unternehmen zu. Compliance, Setup des Unternehmens (inkl. Notar), Sicherheit, Steuer und weitere Themen sind aktuell noch nicht stark vereinfacht worden. Außerdem sehe ich eine ebenfalls nicht zu vernachlässigende Chance in Deutschland darin, die Stärke in den Ingenieurswissenschaften zu nutzen, um Hardware-Produkte in den Bereichen Robotics / Physical AI aufzubauen – mit ganz anderen nötigen Kapitalaufwendungen.